Dinner For One

Keine Freunde? Gerade frisch getrennt? Von der Familie verstoßen? Oder sozial völlig inkompetent? Muss ja furchtbar sein. Vor allem an Silvester. Die Arme. Im Restaurant ganz alleine das Jahr ausklingen lassen – was sie wohl in diese traurige Situation gebracht hat?

Ich mich selbst. Und zwar freiwillig. Aber davon geht scheinbar niemand aus. Denn so ziemlich genau diese Fragen haben mir die Augen gestellt, die mich heute Abend in dem gut besuchten Restaurant direkt an der Plaza del Sol in Madrid angeschaut haben. Am Silvesterabend. Ganz alleine. Mit einer Tortilla und einem Glas Weißwein vor mir.

Als ich in meinem Hostel angekommen bin, war ich ziemlich durcheinander und müde vom vielen Denken – außerdem hat die Bar im Hostel geschlossen, vermutlich weil fast alle Leute draußen sind und 2016 mit viel Tamtam verabschieden. So richtig Lust auf Reden hatte ich eh nicht, dafür um so größeren Hunger, und so habe ich mich auf die Suche nach einem Restaurant gemacht. Gar nicht so leicht zwischen all den verrückten Perücken-und-Happy-2017-Brillen-Trägern – vor allem, weil kaum ein Restaurant auf hatte.

Nach einigem Umher-Irren durch Madrids hell erleuchtetes Zentrum bin ich also ins „Café Europa“ gegangen. Scheinbar ein absoluter Touri-Spot von der Sorte, die ich eigentlich meide, aber das war mir mangels Alternativen egal. Ich habe mich alleine an einen kleinen Tisch gesetzt, um mich herum Familien, Freundeskreise und Paare. So komisch es sich im ersten Moment auch angefühlt hat – ich hatte Hunger und keine Lust, im Hostelzimmer zu essen. Warum mich also nicht alleine in ein Restaurant setzen?!

Zunächst noch ziemlich unsicher habe ich meine Tortilla und ein Glas Vino Blanco bestellt. Der Kellner ließ mich dann noch verunsicherter zurück, nach dem er mich mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt hat, ob ich ernsthaft alleine bleibe und dann kopfschüttelnd in Richtung Bar verschwand. Doch schon nach ein paar Minuten konnte ich mir sagen „Was bildet der Typ sich eigentlich ein?“ und ich habe versucht, ganz bewusst die Reaktionen der anderen Gäste wahrzunehmen, ohne mich dadurch schlecht zu fühlen.

Als meine Augen langsam über die teils bunt, teils schick verkleideten Gäste wanderten, um Reaktionen auf mich vermeintlich armes Ding abzuchecken, habe ich die erste völlig unerwartete Beobachtung gemacht: Kaum jemand hat mich beachtet. Dabei ist das doch eine unserer größten Ängste, wenn wir uns alleine in Situationen zeigen, die eigentlich von Geselligkeit geprägt sind: Dass alle uns anstarren, schlecht über uns denken oder noch schlimmer reden und uns damit als Mensch abwerten.

Natürlich gab es in der Zeit, die ich in dem Restaurant verbracht habe, auch augenscheinliche Reaktionen von diversen Gästen auf mein Alleinsein. Zwei ältere Ehepaare haben mir teils mitleidig, teils aufmunternd zugelächelt. Eine Gruppe gestylter Mädels hat mich offensichtlich unoffensichtlich angeguckt und laut lachend getuschelt. Mehrere Männer an der Bar haben mir zugezwinkert, als sei ich dort, um mir für die erste Nacht in 2017 ein Betthupferl zu suchen.

Wie wir uns fühlen ist so sehr davon abhängig, wem wir die Macht über die Situation überlassen. Meinen aufbrausenden Ängsten, dass mich alle anstarren? Den paar Augen, die mich anschauen, als sei ich ein bemitleidenswerter, ausgesetzter Hund? Den lüsternen Blicken ein paar einsamer Männer? Oder meinem Wissen, dass ich an Silvester alleine in Madrid sitze, weil es der erste Schritt in einen total spannenden neuen Lebensabschnitt ist, der mich wahrscheinlich stärker, glücklicher und erwachsener werden lässt?

Wir können uns in solchen Situationen unsicher fühlen. Oder klein. Oder einsam. Oder unbedeutend. Oder traurig. Oder auch gerne mal all das zusammen. Oder wir können den Mut in uns spüren. Den Mut, etwas entgegen des „Normalen“ zu tun und über dem zu stehen, was die anderen von uns denken. Bei uns zu sein. Und das Glücksgefühl, was dann plötzlich ganz leise in uns aufsteigt. Weil wir uns unseren Ängsten gestellt und etwas riskiert haben.

6 Kommentare zu „Dinner For One“

  1. Meine lieblingsfrage der letzten wochen:“a table? Yes of course! For how many people?“
    – „äh, one? Just for me!“
    – „just for you? Really? Oh okay… :(“

    Same procedure as every day….

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  2. Als ich dich getroffen war schon total fanzniert von dir und deiner Einstellung, und jetzt wo ich deinen Block gefunden habe und alles einmal „durchgestalked“ habe, kann ich meine Fazination total verstehen. Ich finde es einfach so beeindruckend so zu leben, wie du jetzt gerade tust. Und selbst, wenn man alleine Silvester feiert, so eine Vorfreude auf die Reise zu haben, wie schon Zuhause oder im Zug nach Hamburg. Naja aber schon an den Gedanken Karneval in Rio zu erleben, kann einen ja auch nur glücklich machen 😉.
    Ganz viel Spaß noch
    Die Zug-Lisa

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    1. Liebe Zug-Lisa 🙂 Tausend Dank für Deine tollen Worte!!! Es ist so ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich mit dem, was ich schreibe, auch Menschen erreichen kann, die ich gar nicht wirklich kenne 🙂 und ja, zwischen uns hat es direkt „gefunkt“ 🙂 Ich freue mich, dass Du auf meiner Reise dabei bist! Alles Liebe aus Bogotá, Lisa

      Gefällt 1 Person

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