Warum ich mich nach einer Woche so eindrucksvoll fühle

Ich bin eindrucksvoll. Klingt erstmal ziemlich komisch, leicht arrogant und ziemlich überheblich, oder? Zwar fühle ich mich hier zwischen den vielen kleinen Kolumbianern, die mich häufig mit offenem Mund anstarren, weil ich weiß, groß und blond bin, ziemlich außergewöhnlich. Aber eindrucksvoll meine ich in diesem Fall in einem anderen Sinne.

Und zwar wortwörtlich. Eindrucks-voll. Ich bin so voller Eindrücke, dass ich mich etwas überfordert fühle. Ich bin gerade mal eine Woche unterwegs und habe schon so viele Menschen kennengelernt, so viel gesehen und so viel Neues erlebt. Mein Kopf kommt mit der Verarbeitung noch nicht ganz hinterher.

Heute Nacht habe ich mich gefragt, was genau meine Gedanken denn gerade so durcheinander fliegen lässt, dass ich sie nicht mehr greifen kann. Ich bin schließlich schon oft gereist, habe viele Kulturen kennengelernt, verschiedene Sprachen gesprochen und mit den verrücktesten Leuten zusammen gewohnt.

Für einen kurzen Moment wollte ich mir selbst einreden, dass ich mich total anstelle und einfach nur glücklich sein sollte, hier zu sein. Wie vermessen ist es denn bitte, auf Reisen unglücklich zu sein? Bis ich mir eingestanden habe, dass es okay ist, mich überfordert und irgendwie lost zu fühlen.

Und plötzlich habe ich all die verschiedenen Faktoren, die dazu beitragen, erkannt und festgestellt, dass es wirklich einige Dinge sind, die den Übergang vom Alltagsleben ins Backpacker-Dasein manchmal komisch oder schwierig wirken lassen können. Damit Du Dich für Deine nächste Reise etwas besser darauf einstellen kannst, habe ich sie in einigen Punkten zusammen gefasst:

Das Klima: Natürlich kommt es ganz auf Dein Reiseziel an, ob Du Dich wettertechnisch umstellen musst, aber ich habe hier noch ein wenig mit der schwülen Hitze und den Gewittern zu kämpfen. Sicherlich auch einer der Gründe, warum ich mich momentan oft müde fühle.

Der Zeitunterschied: Der nächste und vermutlich ausschlaggebendste Punkte für meine Müdigkeit. Ich bin bisher jede Nacht um 3:30 Uhr aufgewacht und kann nur selten wieder einschlafen. Wir kennen das doch alle, wie leichter wir reizbar (und damit auch zu überfordern) sind wenn wir wenig oder schlecht schlafen. Warum darf das dann nicht auch auf Reisen passieren?

Die Sprache: Plötzlich hört sich um einen herum alles anders an. Hier zum Beispiel ist es lauter, es wird sehr schnell gesprochen und obwohl ich Spanisch spreche verstehe ich nicht alles und muss mich oft sehr anstrengen, um einem Gespräch zu folgen. Und kommt man dann „nach Hause“ ins Hostel dringen wieder andere Sprachen in unsere Ohren. Ich kann glücklicherweise sowohl Englisch als auch Spanisch sprechen, aber ich merke vor allem gegen Ende des Tages, dass mich dieses Misch-Masch und das ständige Springen zwischen den Sprachen noch anstrengt.

Die Kultur: Okay, let´s face it. Wir in Deutschland sind eher distanziert, kühl, zurückhaltend, korrekt. Die Kolumbianer – und sehr viele andere Kulturen auch – sind ganz anders. Sie fassen gerne fremde Leute an, hören unverhohlen Gesprächen zu und so wie sie Autofahren würde in Deutschland jedem Einzelnen der Führerschein weggenommen. Ich liebe es, in andere Kulturen einzutauchen, aber ich habe erkannt, dass es Zeit braucht, bis man sie verstanden und sich auf sie eingelassen hat.

Die Organisation: Eigentlich Teil der Kultur, aber gerade für uns Deutschen vermutlich weltweit ein interessanter Punkt. Dass Südamerikaner nie pünktlich kommen wissen mittlerweile die meisten. Dass sich oft aber auch nicht an Öffnungs- oder Abfahrtszeiten gehalten wird und zum Beispiel große Nationalparks einfach für einen Monat schließen, ohne es zu kommunizieren, kann vor allem die deutschen Geduldsfäden schnell mal ziemlich unter Spannung stellen.

Das Essen: Nicht nur unser Kopf, sondern auch unser Magen muss sich in fremden Ländern auf eine Umstellung gefasst machen. Meiner kriegt in Deutschland zum Beispiel sehr viel Obst und Gemüse. Obst gibt es hier auch en masse, Gemüse auch, klar – allerdings ist es immer frittiert. Und auch sonst wird alles frittiert, was geht und mit Reis und Bohnen serviert. Käse auch gerne mal zum Dippen in Schokolade und Obstsalat gibt’s traditionell in einer Art Käsesauce. Da darf der Magen ruhig mal mucken.

Die Tagesgestaltung: Unabhängig wohin wir reisen, sind wir plötzlich aus  unseren bekannten Strukturen gelöst. So schön es sich auch anhört, den ganzen Tag nichts zu tun zu haben und machen zu können was man will: auch daran müssen wir uns erstmal gewöhnen. In unserem Alltag sind wir es so gewohnt, von Wochenende zu Wochenende zu planen, und auf einmal dürfen wir ganze Tage ausfüllen – und zwar viele hintereinander. Die Gefahr ist, dass wir sie zu perfekt ausfüllen wollen, zu sehr genießen wollen und zu viel in der freien Zeit erleben wollen. Uns also wieder unter Druck setzen. Und nicht das genießen können, was gerade ist.

Es ist nicht besser oder schlechter. Es ist nur anders.

Nicht, dass Du mich falsch verstehst: In meinen Augen gibt es für keinen dieser Punkte ein Richtig oder Falsch. Und jedem, der reisen geht und nicht nonstop Zeit im Hotel verbringt, sollte klar sein, dass es je nach Reiseziel mehr oder weniger anders sein wird als zu Hause. Das ist ja auch einer der Gründe, warum wir reisen.

Aber wir sollten uns eingestehen, dass so viele Veränderungen in kürzester Zeit uns überfordern und das Gefühl geben können, verloren und orientierungslos zu sein. Dass es okay ist, dass wir nicht die ganze Zeit himmelhochjauchzend durch die Gegend laufen, weil wir auf Reisen sind. Dass es okay ist, sich auch unterwegs in Frage zu stellen. Dass es okay ist, wenn wir uns mal schlecht fühlen – trotz und obwohl wir gerade etwas erleben, worum viele uns vermutlich beneiden. Und obwohl wir uns gerade vielleicht unseren Traum erfüllen.

 

 

10 Kommentare zu „Warum ich mich nach einer Woche so eindrucksvoll fühle“

  1. Liebe Lisa , wie sehr ich deine Wortspielereien doch liebe ! Deinem “ Ich bin eindrucksvoll “ , kann ich nur entgegnen , „Ich bin beeindruckt „. Du schaffst , was nur wenigen gelingt . Du lässt mich mit jeder deiner Zeilen in eine mir völlig unbekannte Welt eintauchen . Ich sehe die flimmernde Hitze auf dem Asphalt , bin froh , der fast hörbaren Geräuschkulisse nicht ausgesetzt zu sein und die Beschreibung des Essens lassen tatsächlich meinen Magen etwas grummeln. Danke dafür !!!
    Darüber , dass einem Glücklich sein nicht mal eben so zufällt , haben wir uns oft ausgetauscht . Es ist ein Zustand , der erobert werden will , der eine Menge Toleranz vorraussetzt und somit leider nicht ganz umsonst zur Verfügung steht . Und der nicht pausenlos verfügbar ist . Das macht ihn ja so besonders. Da Du aber bereit bist , der kleinen Schwester Zufriedenheit eine angemessene Würdigung zu schenken , wird deine Reise dich trotz innerem Chaos zutiefst erfüllen , da bin ich mir sicher . Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim immer wieder neu orientieren , tanzbare Lebenslust und einen Körper , der dich gesund durch die kommende Zeit trägt .
    Ich bewundere dich und habe dich unendlich lieb
    Deine Greta

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    1. Wow, was für schöne Worte!! Vielen vielen Dank! Vielleicht fängst Du ja auch eines Tages wieder an zu schreiben ☺ Und ja, Zufriedenheit ist ganz bestimmt ein Zustand, dem ich viel Aufmerksamkeit schenke. Und für all die mal kurzen, mal langen Momente des Glücks bin ich umso dankbarer! 😘

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  2. Liebe Lisa,
    Ich habe viel genickt als ich Deiner letzten blog las. Ich bewundern Dich, dass du alleine reist. Da felt dir oft ein „sounding board“. Someone that listens to you and offers feedback when needed.
    Ich hoffe du kannst bald besser/länger schlafen, damit du die vielen neuen eindrücke schneller verarbeiten kannst.
    Hugs, Rena

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    1. Interessanter Ausdruck, „sounding board“ kannte ich noch gar nicht. Und ja, das stimmt, das fehlt ab und zu, aber ich muss sagen, dass mir der Blog auch echt hilft, meine Gedanken zu sortieren und Dinge zu verarbeiten – und natürlich Eure Kommentare 🙂 Hugs from Medellin, Lisa

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