Das Imageproblem von Medellín

Drogenkrieg, Attentate, Kriminalität und Morde: das sind wohl vier der Worte, die am häufigsten mit Kolumbien, ganz besonders aber der zweitgrößten Stadt Medellín verbunden werden. Tatsächlich galt sie noch in den 90er Jahren als gefährlichste Stadt nicht nur Lateinamerikas, sondern der ganzen Welt. Warum hat es mich dann um Himmels Willen hierher verschlagen?

Weil Kolumbien, aber vor allem Medellín sich extrem verändert hat. Heute gilt sie als eine der mordernsten Städte Lateinamerikas, gehört zu den Top 10 Hotspots der digitalen Nomaden und wurde 2013 sogar als „innovativste Stadt der Welt“ ausgezeichnet. Wohl eine 180-Grad-Drehung par excellence.

Fast 7000 Menschen wurden pro Jahr in Medellín umgebracht, Entführungen und Überfälle waren an der Tagesordnung – der brutale Drogenbaron Pablo Escobar hatte mit seinem Kartell die Stadt fest im Griff. Der Alltag der knapp 3 Millionen Einwohner war geprägt von Angst und Schrecken und Touristen machten verständlicherweise einen großen Bogen um die Mordhauptstadt.

Bis die Stadt Mitte der 90er-Jahre begann, sich in rasendem Tempo zu verwandeln. Escobar wurde 1993 in der Innenstadt erschossen. 2 Jahre später fand unweit von dem Ort ein Attentat statt, an das heute zwei der bedeutungsvollsten Statuen der Stadt erinnern:

Die Guerilla-Gruppe Farc hatte bei einem Musikfestival auf dem San-Antonio-Platz mitten in der Stadt eine Bombe gezündet, versteckt unter einer Vogel-Statue. Der Vogel wurde stark beschädigt und zu Teilen zerfetzt – doch trotzdem oder vor allem deshalb bestand der „Vater des Vogels“, Künstler Fernando Botero, darauf, sie stehen zu lassen und neben ihr eine ähnliche, größere Statue zu errichten. Als Zeichen des Friedens. Als Zeichen der Veränderung. Als Zeichen dafür, dass Medellín endlich wieder zum Leben erwachen möchte.

In den kommenden Jahren hat Medellín genau das deutlich gezeigt. Starke Polizeipräsenz und andere Sicherheitsmaßnahmen machen die Straßen sicherer und die zwei wichtigsten Pfeiler der Veränderung wurden ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt: Bildung und Architektur. Plätze, die damals mit Angst und Schrecken assoziiert wurden, wurden rundum erneuert und sind heute Orte, an denen die Menschen sich treffen, Touristen erstaunt Fotos machen und frische Limonaden verkauft werden. In die ärmeren Viertel wurden Bibliotheken gebaut, um Bildung zu forcieren. Und nicht nur das: zu den früher kaum oder sehr schwer erreichbaren Favelas wurden in den vergangenen Jahren Rolltreppen und Gondeln errichtet, um den Einwohnern besseren Zugang zur Stadt zu gewähren. Die Cable Cars zählen heute auch zu den beliebtesten Touristenattraktionen.

Die Stadt hat sich verwandelt. Definitiv. Doch (noch) kann ich nicht einschätzen, wie stark so eine krasse Veränderung in so kurzer Zeit überhaupt möglich ist. Es gibt weiterhin Viertel, vor denen gewarnt wird und scheinbar kann es passieren, dass man sich, wenn man falsch abbiegt, urplötzlich von einer sicheren in eine unsichere Straße begibt. Selbst einige Kolumbianer tragen im belebten Stadtzentrum oder in der vollen Metro ihren Rucksack vorne.

Und so traurig und unfair es sich anfühlt: viele Nettig- und Herzlichkeiten der Kolumbianer kann ich nur sehr skeptisch entgegen nehmen. Sobald mich jemand in der Straße im Vorbeigehen herzlich in Kolumbien begrüßt, wandert meine Hand zu meinen Wertsachen in der Angst, einem Ablenkungsmanöver zum Opfer zu fallen. Zu viel habe ich gehört und zu oft wurde ich gewarnt.

Doch das ist nicht nur (vermutlich meist zu unrecht) unfair, sondern auch auf eine Art freiheitsberaubend. Ich liebe es, in fremden Städten einfach ohne Stadtplan herum- und mich zu verlaufen und Gegenden abseits der touristischen Pfade zu entdecken. Hier aber traue ich mich nicht – und mir wird auch davon abgeraten. Heute wollte ich das erste Mal alleine einen Ausflug machen, auf einen Berg in der Stadt mit einem süßen Mini-Örtchen drauf sollte es gehen.

Als ich am Fuß des Berges ankam wurde mir schon etwas mulmig, da ich keine anderen „Bergsteiger“ gesehen habe. Zur Absicherung habe ich eine etwas ältere Kolumbianerin gefragt, ob es denn sicher sei, alleine hoch zu gehen. Zu meinem Erstaunen schüttelte sie den Kopf und meinte „Du kannst das machen. Aber ICH würde es nicht tun. Und Du mit Deinem Gringo-Aussehen bist ja ein noch leichteres Opfer.“ Also bin ich ziemlich desillusioniert wieder umgekehrt.

Ich bin zwar  dafür, Dinge zu riskieren, die zu unserem Glück beitragen können, aber nicht, wenn wir uns damit in ernsthafte Gefahr begeben könnten. Ich werde bestimmt in ein paar Jahren noch mal hierher zurück kommen, einfach um zu sehen, was sich bis dahin getan hat. Ich wünsche mir und auch Medellín sehr, dass ich dann etwas unbefangener durch die Straßen laufen kann und mich einfach nur darüber freue, dass die Menschen mich hier so freundlich begrüßen – vermutlich könnte ich das schon heute, würde ich mir mit meiner Angst nicht selbst im Weg stehen.

7 Kommentare zu „Das Imageproblem von Medellín“

  1. Ist so etwas ähnliches nicht auch damals in Antigua passiert als ihr jungen Leute allein einen Berg besteigen wolltet?
    Better safe than sorry!!
    Hugs, Rena

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    1. Ja das stimmt, da wurde uns auch gesagt, dass wir das besser nur mit Guide machen wollten. Habe jetzt allerdings auch schon mehrfach gehört, dass die Kolumbianer auf Grund ihrerseits Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte EXTREM vorsichtig sind und vor allem nicht wollen, dass Touristen etwas passiert, da sie so glücklich sind, dass wir uns endlich in ihr Land trauen 🙂

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  2. Hut ab, Lisa !

    Du nennst es Angst. Ich aber freue mich, dass Du bei allem Mut, den Du bisher bewiesen hast,
    heute der Mutter der Porzellankiste – der Vorsicht – den Vorzug gegeben hast. Bleib weiter
    mutig und vorsichtig zugleich. Du erlebst soviel. Auf die gefährlichen 5 Prozent verzichte
    bewusst. Wir alle wollen noch viel von Deinen Erlebnissen, Deinen Veränderungen, Deinen
    neuen Einsichten und vor allem, von Deinen LEBENDIGEN Eindrücken lesen.
    Ganz, ganz liebe Grüße, Dein Papa

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