Das schlechte Gewissen der Faulheit

„Nichts ist entspannender als das anzunehmen, was kommt“ – Dalai Lama

Wenn das doch nur so einfach umzusetzen wäre wie es klingt. In vielen Bereichen habe ich bereits mühsam gelernt, das Leben so zu akzeptieren, wie es kommt, aber in einer Sache fällt es mir – ganz besonders hier auf Reisen – noch ziemlich schwer.

Dabei ist es eine der Sachen, die uns eigentlich am leichtesten fallen sollte: Langeweile haben. Faul sein. Nichts tun. Entspannen. Für mich waren solche Zeiten schon immer mit einem schlechten Gewissen verbunden. Schließlich könnte ich in der Zeit auch etwas Sinnvolles tun. Produktiv sein.

Mein Körper hat mittlerweile verstanden, wie gut solche Auszeiten tun, wie wichtig sie für unsere Gesundheit sind und dafür, dass wir all das, was wir täglich in uns aufnehmen, überhaupt einsortieren und einschätzen können. Mein Kopf spielt leider noch nicht so ganz mit und schreit bei jedem Zeichen meines Körpers, das nach Ruhe verlangt, laut „Achtung, Achtung, verschwendete Lebenszeit voraus“.

Und ich merke, dass dieser Kampf seit dem Aufbruch zu meiner Reise auf eine ganz besondere Weise stattfindet. Die Stimme schreit lauter. Das schlechte Gewissen nimmt Formen an, die mir eigentlich schon erfolgreich abtrainiert hatte und sorgt dafür, dass ich die eigentlich zur Entspannung gedachten Zeiten mit Grübeln verbringe und abends genervt ins Bett gehe, weil ich „so viel Zeit verschwendet habe“.

Woher kommt das, dass ich gerade auf der Reise, wo ich ja eigentlich so viel Zeit habe und mich nichts treibt, solche Schwierigkeiten damit habe, einfach mal nur faul zu sein? Ich glaube ich kenne die Antwort: „Das kann ich doch auch in Deutschland machen“.

Ich bin doch nicht zum Faulenzen so weit geflogen. Ich muss doch was sehen von der Stadt, dem Land, in dem ich mich gerade befinde. Ich hab doch nicht monatelang gespart, um jetzt ganze Tage in der Hängematte im Hostel zu verbringen. Ich bin doch nicht das Risiko eingegangen, meinen Job zu kündigen, um mein Glück jetzt in kolumbianischen Mehrbettzimmern zu finden anstatt draußen in der Sonne.

Oder vielleicht doch? Ist das vielleicht eine der größten Aufgaben, der ich mich auf dieser Reise stellen muss? Stellen darf? Stellen will? Zu versuchen, nicht jeden Tag mit Erlebnissen und neuen Erfahrungen vollzupacken, sondern mir Auszeiten zu gönnen. Wie meine Cousine gerade so schön zu mir gesagt hat: „Du bist so voll mit Eindrücken – ohne Chillen können die doch gar nicht durchsickern.“

Und das stimmt – über die vielen neuen Reize, die jeden Tag meinen Kopf aufs Neue herausfordern, habe ich hier  ja schon einmal geschrieben. Und es ist nicht nur Sprache, Klima und Kultur, sondern auch dieser Blog und mein plötzlich so intensives Beschäftigen mit all dem, was jeden Tag passiert. Und wenn es nur ist, dass ich mich schlecht fühle, weil ich keine Lust habe, etwas zu unternehmen.

Und ich liebe es, zu schreiben. Ich mache mir so gerne Gedanken über all das, was in und außerhalb meines Kopfes passiert und versuche es in Worte zu fassen. Dass das ein bisschen mit der eigentlichen Idee meiner Reise in Konflikt treten wird, habe ich schon vorher geahnt. Vermutlich sollten wir wirklich viel häufiger versuchen, den Worten des Dalai Lama zu folgen und die Dinge einfach so akzeptieren, wie sie sind. Annehmen, ohne zu bewerten. Auch eine der Grundaussagen der Achtsamkeit.

Heute ist wieder so ein Tag. Ich bin aufgewacht, habe das Brennen auf Schultern und Nacken von dem Sonnenbrand gespürt, mein Magen hat sich auch noch nicht so ganz von der kurvigen Rückfahrt gestern erholt und bei dem Gedanken daran, irgendetwas zu unternehmen und die Stadt zu erkunden, wollte ich mir nur die Decke über den Kopf ziehen. Zufälligerweise (?) ging es in meiner Meditations-Session heute genau darum: annehmen, was ist, und einfach mal nur zu sein.

Also habe ich mich entschieden, den Tag im Hostel zu verbringen. Zumindest so lange, bis ich vielleicht doch Lust habe, etwas zu unternehmen. Wenn nicht, ist das aber auch nicht schlimm. Auch das fällt unter „risk happiness“. Ich riskiere, etwas zu verpassen, nicht ganz so viel von der Stadt zu sehen, wie ich eigentlich könnte. Aber das ist dann einfach der Preis dafür, dass ich mich heute gut fühle. Und was davon ist wichtiger? Ich nehme Dalai Lamas Zitat als Antwort darauf.

Geht´s Dir auch manchmal so? In welchen Situationen kennst Du diesen Druck, unter den wir uns oft selbst setzen?

 

14 Kommentare zu „Das schlechte Gewissen der Faulheit“

  1. Gib Gas, Lisa !!! Ende Januar ist Deine Reise zuende. Verplemper nur nicht die Zeit bis dahin.
    Mal im Ernst: Hast Du dafür gespart? Hast Du dafür die ganzen Strapazen auf Dich genommen?
    Wolltest Du in nur einen Monat Südamerika erleben?
    Leb diesen Traum über die volle Distanz. Dazu gehören Chillzeiten, wie Deine Cousine richtig sagt.
    Sag Deinen Gedanken, sie sollen wiederkommen, wenn es DIR passt und nicht, wenn sie es für
    richtig halten.
    Ich habe ab morgen nur eine Woche. Gönne mir – unter Umständen – aber Auszeit + Faulenzen.
    Auf geht´s, entspann Dich.

    Gefällt mir

    1. Wenn das doch nur so einfach wäre, die Gedanken mal eben kurz wieder weg zu schicken. Vielleicht hilft es dann, sie GEHdanken zu nennen 🙂
      Aber nein, Du hast absolut Recht. Ich hab gespart, um eine schöne Zeit zu haben. Um glücklich zu sein. Natürlich auch, um viel zu erleben, aber ich sollte anfangen, auch das in-der-Hängematte-Schaukeln als Erlebnis anzusehen…
      Hab einen ganz schönen und erholsamen Urlaub 🙂

      Gefällt mir

  2. „Was willst du dir eigentlich in Bogota und Medellin alles ansehen . Hast du dich schon eingelesen und über die Sehenwürdigkeiten informiert „?
    “ Nö , darum geht es mir auf dieser Reise überhaupt nicht . Was ich sehe , sehe ich, und der Rest sollte dann nicht sein „.
    Wie gut das doch klang , wenn auchnoch etwas fremd aus deinem Mund . Sich treiben lassen , auf den Körper hören und dem planvollen Denken viel Auszeit schenken. Ist das unnnütz ? Und wenn , für W E N ?? Für den Bus-oder Taxifahrer mangels deiner Einnahme , der Statistik , die festhält , der wievielte Besucher heute an Platz X war oder dem Kiosbesitzer , dessen Wasser du unterwegs nicht kaufen musstest ? Ich glaube , eher nicht !
    Aber am wenigsten sicher für dich selbst . Wie herrlich , schaukelnd in einer bunten Hängematte zu liegen und müde Augen einfach am Vormitag wieder zu schließen . 🙂 Wie nützlich , in dieser scheinbar vertrödelten Zeit mit sich selbst in Kontakt zu sein . Und wie kräftebringend , deinen Körper einfach mal ernst zu nehmen .
    Für den Rest des Tages wünsche ich dir gaaanz viel fröhliche Gelassenheit !!!!
    Deine Greta

    Gefällt mir

    1. Liebe Greta, ach Du schreibst so schön 🙂 Du hast absolut Recht und Deine Worte haben mir geholfen, den Tag gestern einfach zu genießen. Ich hab tatsächlich noch ein paar Mal die Augen zugemacht und habe abends die Hängematte nur verlassen, um Essen zu gehen. Und was auch interessant war: alle anderen Hängematten waren auch den ganzen Tag belegt, meist von den selben Leuten. Ich war also nicht die Einzige, die Zeit vertrödelt – ähm, ich meine natürlich, mir Zeit geschenkt hat 😉 Alles Liebe!

      Gefällt mir

  3. Ich kenne das, dass man sich selber plötzlich unheimlich schlecht fühlt, weil man gewisse Dinge nicht tut und mal lieber faul herumliegt und nichts produktives tut. Ich finde, da sollte man unbedingt in sich hineinhorchen und sich fragen, woher das schlechte Gewissen wirklich kommt. Ist aber, finde ich, ganz schwierig abzuschalten! Liebe Grüße, Julia ♥

    Gefällt mir

    1. Liebe Julia, ja das stimmt, es ist wirklich schwierig, sich davon loszumachen, aber es lohnt sich, es zu probieren! Ich glaube, das schlechte Gewissen kommt vor allem von dem Druck, dem wir uns selbst immer wieder aussetzen – denn würden unsere Freunde uns sagen, dass es schlecht ist, dass wir gerade einfach mal nur chillen? Wir sollten öfter versuchen, unser eigener Freund zu sein und dementsprechend Ratschläge zu geben 😉 Liebe Grüße, Lisa

      Gefällt 1 Person

  4. Liebe Lisa,
    Maybe you will be a writer one day. Keep making notes on all you see. Your blogs are very well written!. You could turn your experiences into a book, once you are back in Germany.
    Aber Henning hat recht, mach Dich auf nach Rio und Buenos Aires, da gibt es so viel Interssantes zu erleben.
    Aber vergiss nicht, es ist Deine Reise. Du machst schon alles richtig. Bleib weiterhin gesund und sicher.
    Alles Liebe,
    Gitta

    Gefällt mir

    1. Danke liebe Gitta 🙂 Es macht auch einfach so viel Spaß zu schreiben und all das festzuhalten, was passiert.
      Nach Rio geht es tatsächlich im Februar – Buenos Aires steht (zumindest dieses Mal) nicht auf meiner Liste, dafür aber Panama und Costa Rica.
      Liebe Grüße aus Medellín

      Gefällt mir

  5. Oh Lisa, ich finde deine Blogbeiträge so klasse! Sie sind wahnsinnig ehrlich und ich finde mich so häufig wieder 😀
    Es tut gut zu hören, dass auch du manchmal ein schlechtes Gewissen hast vom „rumchillen“. Aber ich bin auch der festen Überzeugung, dass man das manchmal einfach braucht um runterzukommen. Anstatt sich so halbherzig und schlecht gelaunt aus dem Bett zu quälen sollte man sich wirklich ab und zu mal eine Auszeit nehmen und dann auch voll dahinter stehen, es genießen und neue Kräfte schöpfen. Dafür startet man dann am nächsten Tag mit umso mehr Energie durch 🙂

    Viele liebe Grüße nach Kolumbien und ich freue mich auf weitere Beiträge :-*
    Fühl dich gedrückt!
    Kiki

    Gefällt mir

    1. Ohhh wie lieb, vielen Dank für Deinen Kommentar 😍 Es freut mich, dass Du Dich in eingen der Beiträge wiederfinden kannst – denn es ist doch irgendwie immer schön zu wissen, dass man (gerade mit seinen oft ungeliebten Angewohnheiten) nicht alleine ist, oder? 😉

      Und ich kann Deine Theorie nur bestätigen: ich bin froh, dass ich mich die vergangenen Tage in Medellín nicht zu etwas gezwungen habe, worauf ich keine Lust hatte. Den nun spüre ich neue Energie (na gut, liegt vielleicht auch ein bisschen am Meer 😉).

      Ganz liebe Grüße aus Santa Marta

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s