5 Tage im Paradies / Teil 2

Um die Frage aus Teil 1 direkt zu beantworten: Ja, ich konnte schlafen. Sogar besser und bequemer, als ich es in einer Hängematte für möglich gehalten hätte. Klar, ich war einige Male wach in der Nacht, aber in diesen kurzen Phasen hat das Ich-vertraue-diesem-Abenteuer-jetzt-Gefühl gesiegt und mich immer wieder in eine neue Schlafphase fallen lassen. Aufgestanden sind wir dennoch vor Sonnenaufgang – nicht nur, weil wir nicht mehr schlafen konnten…

Denn wir und die anderen Frühaufsteher wollten los.  Wir wollten weiterziehen zum nächsten Campingplatz Cabo San Juan, dessen Bild in fast allen Reiseführern zu finden ist (oder auch als Titelbild dieses Artikels ;)) und auf dem es eine ganz besondere Schlafmöglichkeit gibt: Hängematten in einer offenen Hütte auf einem Fels direkt über dem Meer. Reservieren kann man leider nicht und uns wurde gesagt, wir sollten so früh wie möglich da sein, um einen Platz zu ergattern.

Zwar hat der Sonnenaufgang sich während des 40-minütigen Weges hinter den Wolken abgespielt, aber beeindruckt waren wir trotzdem wieder von Neuem. Bei diesem unfassbar schönen Zusammenspiel aus Dschungel, Fluss, Bergen, Meer und endlosem Himmel mussten wir uns immer wieder dazu zwingen, weiter zu laufen und nicht mit offenem Mund stehen zu bleiben.12

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Pünktlich um kurz nach 7 waren wir in Cabo San Juan – und nur wenige Minuten später mal wieder ernüchtert von der kolumbianischen Art der Organisation. An Zeiten und Regeln (die teilweise fernab unserer deutschen Logik liegen) halten sie sich meistens nur, wenn es für sie sinnvoll ist. So wie hier.

Ist ja schön, dass Ihr so früh da seid, aber wir geben die Schlafplätze heute erst ab 11 Uhr raus.

En serio?? Obwohl Ihr wisst, dass jetzt schon welche frei sind??

Weder Charme noch Beharrlichkeit noch mein Spanisch konnten uns hier weiterbringen. Ab 10:30 dürften wir uns anstellen. Na gut, dann also erstmal frühstücken. Ich war froh, dass eine Mango und eine Banane in meinem Rucksack überlebt hatten, denn zur Auswahl standen Omelette mit Käse, Omelette mit Fleisch, Omelette mit Fisch oder Omelette mit Hühnchen – alles serviert mit zu Zwieback getoastetem Brot und den typischen Maisfladen Arepa. Eigentlich hätte ich gar kein Frühstück gebraucht, denn allein an dem Ausblick konnte ich mich nicht satt sehen.15

Mit fast deutscher Pünktlichkeitsmanier standen ab 10:30 alle Hängematten-Hungrigen vor der Rezeption an, die um Punkt 11 Uhr anfing, Plätze zu verteilen. Zweifelnd standen wir in der Schlange. Mittlerweile hatten wir mit ein paar anderen gesprochen,  die bereits eine Nacht da oben verbracht hatten und von dem starken Wind ordentlich durchgekühlt wurden. Zwar hatten wir lange Sachen dabei, aber keine Decken geschweige denn Schlafsäcke. Okay, sollte man sich sowas in der Art ausleihen können, trauen wir uns, sonst nehmen wir ein Zelt. Keine zwei Minuten später waren wir an der Reihe.

Habt Ihr Decken zum Ausleihen oder irgendwas, das uns warm hält?

Nein.

Echt nicht?

Nein!

Okaaaay (enttäuschter Seufzer) dann nehmen wir ein Zelt.

Wir wollten gerade das Geld über den Tisch reichen, da kam ein anderer Backpacker vorbei und drückte dem Typen hinter der Rezeption mit einem freudigen Gracias einen Schlafsack in die Hand.

Ähm, hallo, was ist das denn?

Naja, ein Schlafsack.

Ja das sehe ich. Kann man den ausleihen?

Klar!

Ernsthaft jetzt? Ich hab doch gerade… ach egal. Dann nehmen wir die Hängematten oben.

Kannst Du Dich mal entscheiden, chica?

Puuuuuh. Drei mal tief durchatmen und mein Mantra im Kopf runterrattern „Es ist hier nicht besser oder schlechter, nur anders“.

Ja. Die Hängematten und den Schlafsack bitte.

Gut. Als Pfand brauche ich Deinen Reisepass.

Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich an diesem Tag Are you fucking kidding me??? gedacht habe, aber dieses Mal war es wohl das intensivste – zumindest bisher…. Meinen Reisepass??? Das Dokument, das ich hier behüte wie sonst was und nur aus dem sicheren Schließfach nehme, wenn es nicht anders geht, soll ich DIR anvertrauen? Naja, Scheiß drauf, jetzt hatten wir so lange von diesem Schlafplatz geträumt, dass er mir in dem Moment sogar mein auf Reisen heiligstes Dokument wert war.

Kopfschüttelnd, aber aufgeregt über unsere bevorstehende Nacht schlossen wir Rucksäcke  und Schlafsack in die Schließfächer ein und verbrachten den restlichen Tag mit Schlafen, Lesen und Schwimmen (bzw. Planschen) am Strand – eine dieser Handlungen sollten wir später noch tief bereuen.. Die beruhigende Geräuschkulisse aus Meeresrauschen, Palmblatt-Wedeln, Vogelgezwitscher und dem immer stärker aufkommenden Wind wurde alle paar Sekunden nur vom schrillen Pfeifen der Lifeguards unterbrochen, die pausenlos wagemutige Besucher von Felsen runterkommandieren oder aus dem Wasser pfeifen mussten, wenn sie sich trotz Strömung zu weit rausgetraut hatten.

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Vormittags wurde ich über noch eine andere „Organisations-Besonderheit“ des Campingplatzes informiert: für die ca. 400 Gäste gibt es insgesamt vier Duschen und vier Toiletten – jeweils zwei für Männer, zwei für Frauen. Um dem großen Andrang kurz nach Sonnenuntergang zu entgehen habe ich schon am Nachmittag den kalten Wasserstrahl alias Dusche benutzt und mich danach mit meinem neuen Buch Killing Pablo (ich liebe meinen Kindle!!) in die von der Gischt klammen Hängematte inklusive Meerblick gelegt. Ach war ich froh, dass ich nachts einen Schlafsack haben würde!

17Den Abend haben wir einem deutsch-amerikanischen Paar verbracht und da wir (fast) alle mit ziemlich knappem Budget reisen, gab es Cracker, Dosenthunfisch mit Ketchup und Bier zum Essen. Auf Pommes hatten wir nicht schon wieder Lust ;-). Noch lange nach Sonnenuntergang saßen wir zusammen und haben Reisegeschichten ausgetauscht. Gegen kurz nach 10 waren wir alle so müde, dass wir uns langsam Richtung Bett bzw. Hängematte aufmachen wollten. Außerdem wurde uns in unseren kurzen Hosen und Shirts langsam frisch und voller Vorfreude sind wir zu unseren langen Klamotten und dem Schlafsack marschiert. Die sich in den Schließfächern befanden. Die sich wiederum in einem Raum befanden. Der Öffnungszeiten hatte. Und seit einer. Halben. Stunde. Abgeschlossen. War. Fuck.

Nach kurzer Schockstarre bin ich zu dem angrenzenden Kiosk gegangen und habe den zwei Männern dahinter zunächst mit Ach-ich-bin-so-verplant-Miene unsere Situation erklärt. Ein großes blondes Gringo-Mädchen werden die ja wohl aus einer so misslichen Lage befreien. Nach dem ersten Sorry, wir können Dir nicht helfen, wir haben den Schlüssel nicht wurde sowohl meine Stimmung als auch meine Miene um ein vielfaches verzweifelter.

Wie, ihr habt den Schlüssel nicht? Wer hat den denn?

Die Jungs von der Rezeption. Und die sind schon zuhause.

Nicht mehr im Park? (mit immer zittrigerer Stimme)

Nein.

Und Ihr habt keinen Ersatzschlüssel hier?

Nein, lo siento chica. Haben wir nicht. Wir können Dir leider nicht helfen.

Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eins war klar: wir konnten nicht so, wie wir gerade waren, da oben schlafen. No Chance. Außer wir wollten am nächsten Tag mit einer dicken Lungenentzündung aufwachen. Was nun? Erstmal die anderen wiederfinden und fragen, ob sie uns was zum Anziehen leihen können.

Konnten sie natürlich nicht, sie hatten ja selbst kaum was dabei. In ihrem 2er-Zelt konnte auch maximal noch eine weitere Person unterkommen. Und jetzt? Aufteilen und mit Taschenlampen nachgucken, ob noch irgendeins der Zelte frei ist. In der Zwischenzeit bin ich zu einer Gruppe Südamerikaner gegangen, um ihnen die Situation zu erklären und zu fragen, ob sie uns irgendwie helfen können.

Wie, die haben keinen Schlüssel? Die von der Rezeption schlafen hier im Park!

Was?? Wirklich?

Jaja, direkt hinter den Zelten.

Mittlerweile waren mehrere Leute involviert und rieten mir, einfach zu sagen, dass ich dringend Medikamente aus dem Schließfach brauche, die ich unbedingt noch abends nehmen muss. So ungerne ich sowas tue – verzweifelt wie wir waren haben weder wir noch die anderen eine alternative Lösung gesehen und so bin ich mit kleinem schlechten Gewissen, aber großer Hoffnung wieder zum Kiosk  gegangen.

Sorry, ich weiß, dass das total blöd ist und ich einen Fehler gemacht habe, weil ich mir die Öffnungszeiten nicht angeguckt habe, aber ich brauche dringend Medikamente aus dem Schließfach, die…

Amiga, es tut uns leid, wir können Dir nicht helfen, wir haben keinen Schlüssel.

Aber ich muss die heute Abend nehmen!!

So gerne wir würden, wir können Dir nicht helfen, Princesa. Es gibt hier keinen Schlüssel. Geh mal vorne zur Rezeption, vielleicht ist noch einer von den Guards da.

Genauso verständnislos wie ich hat auch die große Gruppe, die mittlerweile mit uns mitfieberte, reagiert, als ich auf dem Weg zur Rezeption nur kurz zugerufen habe „Nope, die helfen uns nicht“.

An der Rezeption stand tatsächlich eine Gruppe von Sicherheitsleuten im Scheinwerferlicht. Unsere letzte Chance. Den verzweifelten Blick musste ich mittlerweile nicht mehr aufsetzen, der klebte fest an meinem Gesicht. Denn uns war klar: wenn wir nicht an unsere Sachen kommen, müssen wir zwischen den Zelten auf dem Boden schlafen. Der Gedanke an all die Kakerlaken und Spinnen und Motten und Heuschrecken, die nachts zum Leben erwachen, trieb mir fast die Tränen in die Augen.

Also wieder: Situation erklärt, Tabletten erwähnt, ein flehendes por favor herausgebracht.

Woher kommst Du denn?

Wie bitte? Was hat das denn jetzt mit der Situation zu tun?

Woher kommst Du?

Deutschland.

Dann ist Dir ja sicher bewusst, dass Du eine Stunde zu spät bist.

ARE YOU FUCKING KIDDING ME? Da war es wieder.

Ja, Señor, das ist mir bewusst. Und es tut mir sehr leid, dass mir dieser Fehler passiert ist, aber es ist meine erste Nacht hier und ich wusste nicht, dass es Öffnungszeiten gibt. Können Sie mir BITTE irgendwie helfen?

Nein, lo siento, wir haben keinen Schlüssel.

Ach kommt schon, ich weiß, dass die Rezeptionisten hier schlafen.

Wir haben keinen Schlüssel. Buenas noches.

Sagten es und wandten sich wieder ihrer Unterhaltung zu. Ich konnte es nicht fassen. Ich wusste, dass auch die Hoffnung der anderen mittlerweile einzig und allein an meiner Verhandlungstaktik mit den Guards hing, denn es gab weder freie Zelte noch Hängematten. Die 2 Minuten zurück zu der Gruppe kamen mir vor wie eine Ewigkeit und als ich ihre erwartungsvollen Gesichter gesehen habe wäre ich wirklich fast in Tränen ausgebrochen, so voll war ich mit Unverständnis, Wut, Verzweiflung und Angst vor der Nacht.

Ich weiß, es gibt tausendmal schlimmere Umstände, eine Nacht zu verbringen und dass wir uns selbst in diese Situation gebracht hatten, aber in diesem Moment konnte ich meine Verzweiflung und die Wut darüber, dass die Mitarbeiter uns nicht helfen wollten, obwohl sie konnten, einfach nicht ausblenden. Und die anderen wohl ebenso wenig.

Wie sie auf meine „verpatzte letzte Chance“ reagiert und wie wir die Nacht im Endeffekt verbracht haben? Lies weiter in Teil 3.

Was hättest Du in der Situation gemacht? In der nassen, kalten Hängematte bei mittlerweile starkem Sturm die Nacht verbracht oder lieber auf dem Dschungelboden gemeinsam mit allerlei bekannten und unbekannten Tieren?

 

10 Kommentare zu „5 Tage im Paradies / Teil 2“

  1. Ich denke die Leute hätten sich mit einem Scheinchen überreden lassen…
    Herzlose Burschen!! 😕
    Ich hoffe ihr habt die Nacht verhältnismässig gut überstanden.
    Rena

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  2. Hallo, liebe Lisa, 🙅

    ich bin zwar nicht lizenziert Dir Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, aber vielleicht hätte Dich Harras begleiten sollen (?) 😃 Er hätte Dich mit all seiner ihm zur Verfügung stehenden Energie beschützt -vor Alligatoren 🐊 und auch Bettwanzen 🕷😖Ihm als kleiner Asiat, schmecken exotische Gerichte !

    Dein Blog ist einfach toll. Ich freue mich jedesmal, wenn mich eine Email erreicht und Du wieder etwas neues zu berichten hast.

    Zu den Bildern. Ich kann es nicht in Worte fassen. Einfach nur ein Traum ! Wie schön unsere Welt doch ist. Danke, das Du mich / uns teilhaben lässt. 😌

    Nun warte ich gespannt, wo Du denn nun tatsächlich übernachtet hast. 😊

    Ganz liebe Grüße und bleibe gesund !
    Ich war während des Lesens richtig wütend auf die “ Banausen“ ! 😃👊

    Silvia & Harras 🐒

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