5 Tage im Paradies / Teil 3

Je näher ich den anderen kam, desto unwohler wurde mir. Nachdem wir von den Mitarbeitern in dieser Situation so blöd behandelt wurden, machte sich neben Verzweiflung und Wut auch ein schlechtes Gewissen breit. Hatte ich mir nur eingebildet, dass auch die anderen Backpacker, die wir um Hilfe gebeten haben, uns herablassend angeguckt haben, nach dem Motto „Leute nervt nicht, Ihr habt Euch das selbst eingebrockt?!“ Das sollte sich ein paar Sekunden später herausstellen.

Nur wenige Meter von meinen Leidensgenossen entfernt wollte ich gerade mit der Übermittlung der schlechten Nachricht loslegen, da rief jemand nach mir.

Ey chica, Du wolltest doch in den Raum mit den Schließfächern, oder?

Hernán, einer der Südamerikaner, die ich vorher um Hilfe gebeten habe, kam grinsend auf mich zu.

Geh schnell hin. Die schließen Dir auf!!

Was?? Wie?? Aber wieso??

Egal. Aufgeregt rief ich den anderen zu, dass sie mitkommen sollten und schnell, aber noch misstrauisch liefen wir Richtung Schließfächer. Und tatsächlich. Mit finsterem Gesichtsausdruck stand einer der Rezeptionsmitarbeiter neben der geöffneten Tür. Weder auf unser überschwängliches Milliones de Gracias!! noch auf unsere Frage, ob wir ihm irgendetwas schuldeten für diese Umstände, reagierte er. Das einzige, was er tat, war, mich genau zu beobachten. Sofort war mir klar, warum, und ich zog hastig eine Ibuprofen aus meiner Tasche und spülte sie vor seinen Augen mit Wasser runter – natürlich nicht ohne einen theatralischen Seufzer der Erleichterung.

Hernán und die anderen hatten in der Zwischenzeit wohl auf die Mitarbeiter eingeredet und ihnen sowohl den vermeintlichen Ernst der Situation klar gemacht als auch ihr genaues Wissen darum, wo die Rezeptionisten sich in diesem Moment in ihren Betten aufhielten

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Mit diesen 3 schnuckligen Tierchen und ihren anderen Spielkameraden mussten wir am Ende zum Glück nur die Toilette teilen

Als die Tür wieder abgeschlossen war und wir in der Dunkelheit standen, beladen mit allen Dingen aus dem Schließfach, die wir einfach nur willkürlich rausgefischt hatten, mussten wir alle gleichzeitig anfangen laut zu lachen.  Vor Erleichterung, vor Aufregung. Wegen unserer eigenen Dummheit und vor allem der spürbaren Erkenntnis, wie schnell man sowohl psychisch als auch physisch von Verzweiflung zu Euphorie wechseln kann. Auch wenn es dieses Mal absolut ungeplant und ungewollt war: dieses verrückte Gefühl der Riskhappiness erfüllte uns.

Nach einer Katzenwäsche lagen wir gegen 23 Uhr endlich warm eingepackt in unseren Hängematten und kamen langsam zur Ruhe. Der kalte Wind war für uns noch eher eine willkommene Brise, die unsere vor Aufregung aufgehitzten Körper etwas abkühlte. Wir konnten unser Glück, mit dem wir an diesem Abend alle nicht mehr gerechnet hatten, noch nicht wirklich begreifen. Erst als um mich herum alle still und vermutlich eingeschlafen waren, nahm ich das Krachen der Wellen gegen den Fels richtig wahr, spürte die kalte, feuchte Luft auf meinem Gesicht und sah den unfassbaren Sternenhimmel vor mir. Und dann kamen sie, die Tränen, rollten ein paar Zentimeter meine Wangen runter, bevor sie vom Wind weggetragen wurden und ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit, Glück, Erleichterung, aber auch einer wohl nie aufhörenden Traurigkeit wegen zurückliegender Verluste hinterließ, mit dem ich schließlich einschlief.

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Überglücklich über meinen Schal und den Reisepass-werten Schlafsack!

Wovon ich gegen 5 Uhr geweckt wurde weiß ich gar nicht genau. Ob von den ersten Sonnenstrahlen, die sich hinter dem Berg rauswagten, von den Stimmen um mich herum oder weil ich keine Luft mehr bekam, weil ich meinen Schlafsack als Windschutz über mein Gesicht gezogen hatte – keine Ahnung. Was oder wer auch immer dafür verantwortlich war: vielen Dank fürs Wecken! Und zwar ganz ohne Ironie. Denn so konnte ich den magischen Moment, wenn die Nacht zum Tag wird und der Mond der Sonne schleichend weicht, miterleben – noch im Halbschlaf und aus meiner Hängematte heraus. Keine noch so teure Hotelsuite hätte mir in dem Moment diesen Luxus ersetzen können!

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Zwar war ich noch so müde, dass ich auch nichts gegen ein paar weitere Stunden Schlaf gehabt hätte, aber der Drang, runter an den menschenleeren Strand zu gehen, war stärker. Es war wie im Traum, barfuß über den kühlen Sand zu spazieren und dabei die Palmen im Wind zu beobachten. Unter einer von ihnen saß ein älterer Mann und meditierte offensichtlich,  mehrere hundert Meter entfernt begab sich eine junge Frau gerade in eine Yoga-Pose. Sonnengruß, soweit ich das mit meinem Anfänger-Wissen erkennen konnte. Und auch wenn mir meine 30-Tage-Challenge nicht immer leicht fällt, war ich in diesem Moment unheimlich glücklich darüber, sie angefangen zu haben und ich freue mich schon jetzt auf den ersten Morgen, an dem ich ganz ohne Anleitung mit Wellenrauschen im Hintergrund am Strand Yoga machen kann.

Da meine Erfahrung dafür aber noch nicht reicht, habe ich mich auf einen Palmenstamm gesetzt und 10 Minuten meditiert. Was erstaunlich gut funktioniert hat. Aber eigentlich kein Wunder bei so wunderschöner Hintergrundmusik direkt aus der Natur. Langsam kam die Sonne raus und wärmte mich schon mit den ersten Strahlen auf, so dass ich mich überwinden konnte, meinen noch klammen Bikini (hier trocknet einfach nichts!) anzuziehen, noch vor 7 Uhr das erste Mal ins Meer zu springen und mich von den salzigen Wellen tragen zu lassen. Was ein paradiesischer Start in den Tag!!

Nach dem Frühstück war eigentlich Aufbruchsstimmung angesagt. Aber ich hatte absolut keine Lust, meinen Rucksack zu packen. Ich wollte noch nicht weg. Irgendwas trieb mich aber an und machte mir ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken daran, einfach noch einen Tag dranzuhängen. Ein paar zermürbende Grübel-Minuten später kam ich endlich dahinter, was es war, das mir im Weg stand. Ich selbst. Mal wieder. Und meine völlig destruktiven und unsinnigen Gedanken. 2 Nächte waren geplant, also muss es auch heute zurück gehen. Hier gibt es eh nichts zu tun außer am Strand zu liegen. Und dann wäre ich ja auch alleine…

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Manchmal bin ich selbst erschrocken und erstaunt darüber, wie schnell und selbstverständlich mich alte Gedankenmuster ab und zu noch einholen, obwohl ich mittlerweile viele neue Synapsen-Autobahnen gebaut und durch Ausprobieren neuer Verhaltensweisen gestärkt habe. Aber ich muss wohl noch ein paar Mal mehr mit meinem Erfahrungs-Auto über die Straßen kurven, um meinem Navi im Kopf klar zu machen, dass die da jetzt verdammt noch mal hingehören. Wer zum Teufel hat denn gesagt, dass ich nur 2 Nächte bleiben soll? Und was ist denn so falsch daran, einfach mal nur am Strand zu chillen? Und, warte kurz, so ganz versteh ich die Sorge einer Allein-Reisenden, plötzlich ohne Anschluss im Nationalpark zu stehen, nicht.

Also bin ich geblieben. Und habe den Tag am Strand verbracht. Risk happiness in kleinem Maße; immerhin habe ich riskiert, meine Entscheidung später zu bereuen (was ich – natürlich – nicht getan habe). Alleine war ich auch nicht lange, denn schon kurz nach dem Aufbruch der anderen habe ich einen anderen Deutschen aus dem Hostel zufällig getroffen und durch ihn eine Gruppe deutsch-holländischer Backpacker kennengelernt. So richtig wird das hier mit meinem Spanisch-Lernen nix bei den vielen Deutschen 😉

Sie wollten mich überreden, die Wanderung zum Pueblito, einem kleinen verlorenen Dorf oben in den Bergen zu machen, aber ich war müde und glücklich darüber, mich entschieden zu  haben, am Strand zu chillen. Schlafen, lesen und aufs Meer gucken war alles was ich wollte. Und darum auch getan habe.

Auf eine weitere Nacht in der Hängematte hatte ich allerdings nicht sonderlich viel Lust, so dass ich mir für den Abend ein Zelt reserviert habe. Als ich mich abends vollgefuttert mit trockenem Hühnchen, fettigen Pommes, süßem Reis und hartem Brot (Amen, verehrte Kohlenhydrate) in meine gefühlt 2 Quadratmeter verkrochen habe, kam es wieder, dieses Gefühl von Geborgenheit im Nichts und tiefer Dankbarkeit. Ich war so dankbar, das hier alles erleben zu dürfen. Mal wieder zu erkennen, dass es nicht die käuflichen und plastischen Dinge sind, die dieses Gefühl in mir auslösen, sondern die Erfahrungen die ich mache. Ich habe schon häufiger abends in wesentlich luxuriöseren Betten als auf dieser siffigen Zeltmatratze gelegen, mit sauberen Klamotten anstelle meines aktuellen verschwitzten und staubigen T-Shirts und nach Besuchen von schicken Restaurants. Manchmal habe ich mich wie im Film gefühlt. Alles um mich herum schien perfekt. Aber in mir war eine Leere, die ich mir damals nicht erklären konnte und die ich versuchte, mit immer mehr Klamotten und Konsum zu füllen.

Wie schön und befreiend es war, mich plötzlich mit nichts außer einer Plastikplane um mich herum so erfüllt zu fühlen. So weit außerhalb meiner Komfortzone. Und so nah bei mir.

Lies in Teil 4 weiter, warum es mich doch noch zum Pueblito zog und warum mir auf dem Weg dorthin mehr als einmal das Herz in die Hose gerutscht ist.

3 Kommentare zu „5 Tage im Paradies / Teil 3“

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