5 Tage im Paradies / Teil 4

Nach einem wunderschönen Start, der viel zu nervenaufreibenden Situation in der zweiten Nacht und einer sehr erfüllenden Erfahrung sollte sich mein Aufenthalt im Tayrona Nationalpark nun so langsam zum Ende neigen, aber natürlich nicht, ohne dass es noch mal spannend wurde. Sowohl den Tag als auch die vierte und letzte Nacht werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen….

Das Aufwachen in meinem kleinen Zuhause für eine Nacht fand ich genauso schön wie das Einschlafen am Abend zuvor. So schön, dass ich, obwohl ich rechtzeitig zum Sonnenaufgang wach war, auf ihn verzichtet und mich auf der miefigen Matratze noch mal umgedreht habe, um das Gefühl noch ein wenig zu genießen. Später, aber trotzdem sehr früh am Morgen, bin ich wieder die wenigen Meter zum Strand gelaufen, um mich mal wieder in Meditation zu üben. Auf Grund des kühlen Windes und der dichten Wolkendecke habe ich mich diesmal allerdings gegen den Sprung ins kalte Wasser entschieden und war so als eine der ersten beim Frühstück – wo ich Michael, den Deutschen aus dem Hostel in Santa Marta, getroffen haben. Und wir waren uns einig: wir hatten Lust auf die Wanderung zum Pueblito, dem „verlorenen Dorf“.

Mit Wasser, Sonnencreme und etwas Geld ausgestattet haben wir uns gegen halb neun auf den ca. 1,5-stündigen Weg gemacht, von dem wir schon gehört hatten, dass er vor allem zum Ende hin ziemlich anspruchsvoll werden soll. Keine 10 Minuten, nach dem wir losgegangen waren und erste Witze über gefährliche Begegnungen mit den indígenos gemacht hatten, kam uns eine Gruppe Sicherheitsmänner entgegen.

Hola amigos. Wo wollt Ihr hin?

Zum Pueblito. Ist doch okay, oder?

Jaja, schon. Passt nur auf, dass Ihr nicht zu spät zurück geht. Wir vermissen seit gestern Abend zwei Personen, die von der Wanderung nicht zurück gekommen sind.

Ähm ja… wer mich kennt kann sich vorstellen, welche Bilder sich in meinem Kopf abgespielt haben. Gewaltsame Entführungen von mit Macheten bewaffneten Ureinwohnern, die hinter einem Busch hervorgesprungen kommen, uns an einen Baum fesseln, foltern und dann an einem Spieß über dem Lagerfeuer grillen. Frisch importiertes deutsches Fleisch… Welch schmackhaftes Abendessen wir abgeben würden…. Michael hatte da die rational viel wahrscheinlichere Erklärung, dass sie im Dunkeln vom Weg, der eigentlich auch gar kein Weg war, abgekommen waren und nicht mehr zurück gefunden hatten. Auch wenn ich in dem Moment natürlich sicher war, dass er das nur sagte, um mich zu beruhigen aber tief im Inneren selbst auch davon überzeugt war, dass wir auf unangenehme Überraschungen stoßen würden, ließ ich mich überreden, weiter zu gehen. Je weiter wir in den Dschungel kamen, desto plausibler wurde seine Variante der Geschichte, denn selbst bei Tageslicht konnte man leicht in eine Felsspalte rutschen oder einfach ein paar Schritte zu weit nach rechts machen und schon war man ab vom „Weg“, ohne es zu merken.

30
Der „Weg“ war nicht immer so leicht auszumachen….

Dass uns im Laufe der ersten Stunde kein anderer Wanderer entgegen kam ließ mich nicht unbedingt entspannter werden, aber die Schönheit der Natur machte es mir etwas leichter, mich auf etwas anderes als meine besorgniserregenden Gedanken zu konzentrieren. Wir kletterten Felsen hoch, sahen riesige blaue Schmetterlinge und bunte Geckos, kamen an steilen Stellen ins Stolpern und fanden Halt an beeindruckenden Baumwurzeln, die wie Schlangen über dem Weg lagen. Im Hintergrund beständig das beruhigende Meeresrauschen und das Gezwitscher von mir unbekannten Vögeln und vermutlich Affen, die (leider unsichtbar) in den Bäumen tobten.

Wir waren ziemlich gut in der Zeit und schon nach etwas mehr als einer Stunde – wenn auch ziemlich außer Atem bei den schwülen Temperaturen – an dem 90-Prozent-geschafft-Schild. Der Wegweiser zeigte einfach den Berg hoch. Da wir nichts gesehen haben, dass auch nur annähernd nach Weg aussah, dachten wir, die letzten 10 Prozent seien bestimmt ganz besonders anstrengend und aufregend und sind unserem Gefühl nach losgeklettert.

31

Die Steine wurden immer rutschiger, die Bäume immer dichter, der Weg immer unwegsamer und die Fußspuren vorangegangener Wanderer immer weniger, bis sie irgendwann ganz verschwunden waren. Nachdem wir uns fast eine halbe Stunde lang durch dorniges Gebüsch bergauf gekämpft hatten und an jeder vermeintlichen Gabelung nach etwas gesucht haben, das mit ganz viel gutem Zureden als Weg gelten konnte, wurde mir langsam wieder mulmig. Wir hatten so oft die Richtung gewechselt, dass ich völlig die Orientierung verloren hatte. Auch wenn Michael mehr oder weniger erfolgreich versucht hat mich zu beruhigen war uns beiden klar: wir hatten uns verlaufen. Und das mitten im Dschungel.

Was stand da noch mal dick in jedem Reiseführer? Man sollte sich bloß niemals ohne Guide abseits gekennzeichneter Wege im Dschungel aufhalten? Na klasse. Das war mir dann doch ein bisschen zu viel risk happiness. Als mir auch noch eine fette schwarze Spinne über den Weg lief und ich vor Schreck den Abhang ein Stück runtergerutscht bin hatte ich genug und wollte zurück. Aber wo war zurück? So richtig sicher waren wir uns beide nicht. Bergab musste es auf jeden Fall gehen. Auf einmal sah auch alles so anders aus als beim Raufklettern und ich spürte, wie Panik in mir aufstieg. Würden wir die nächsten zwei Personen sein, die als vermisst gemeldet werden?

Plötzlich blieb Michael stehen. Er hatte Stimmen gehört.

Oh Gott. Was für Stimmen? Andere Wanderer oder indigene Ureinwohner?

34

Mein Versuch, die Frage spaßiger klingen zu lassen als ich sie eigentlich meinte, ging gründlich in die Hose. In meinem Kopf wirbelten schreckliche Gedanken und grausame Bilder nur so durcheinander und unter jedem Blätterhaufen vermutete ich eine Schlinge, die uns mit einem Ruck kopfüber den Baum hochschnellen lassen würde. Drama Queen war wohl nicht umsonst lange Zeit mein Spitzname. Jetzt hatte aber auch ich die Stimmen gehört und war beruhigt, ein paar englische Worte zu verstehen. Wir riefen in alle Richtungen in den Urwald und bekamen kurz darauf ein „Heeellloooo?? Who is there?“ zurück. Die Stimmen waren nicht weit entfernt und bei genauerem Hinsehen konnten wir nun auch die Personen dazu erkennen. In ihren Wanderhosen und bunten Tshirts waren es ganz klar andere Reisende und ich jubelte erleichtert auf.

Wir bahnten uns den Weg in ihre Richtung und standen kurz darauf vor einer Österreicherin, die sich mit ein paar Argentiniern augenscheinlich auch verlaufen hatte. Die fünf schienen dabei jedoch noch wesentlich entspannter zu sein als ich und mit ihrer mir unverständlichen Gelassenheit fanden wir ziemlich schnell zurück zu dem Hinweisschild, das wesentlich näher war als (von mir) befürchtet. Dort angekommen starrten wir alle ungläubig auf die Treppenstufen, die sich ordentlich und eigentlich nicht zu übersehen hinter dem Schild befanden. Wie konnten wir uns denn hier bitte verlaufen!?

Glücklich darüber, dass wir nicht die einzigen waren, denen das passiert ist, sprangen wir fast leichtfüßig die Stufen hoch und kamen nach nun doch insgesamt 2,5 Stunden im verschollenen Dorf an, welches nur aus wenigen verlassenen Hütten bestand und ein paar spielenden Kindern hier und da. Dass es bei diesem Trip aber mehr um die Wanderung als um die Dorfbesichtigung ging war uns von vornerein klar – und Aufregung hatten wir schließlich schon genug. Zurück haben wir uns dann für einen etwas leichteren Weg entschieden und waren nach etwas mehr als einer Stunde wieder am Meer – und nur wenige Minuten auch schon drin.

32
Yaaaaaay, wir haben es dann doch unbeschadet durch den Dschungel geschafft!

Eigentlich hatte ich vor, nach der Wanderung meinen Rucksack aus dem Schließfach zu holen (ja, diesmal hatte ich mich informiert, dass der Raum tagsüber nicht abgeschlossen ist!) und in die andere Richtung zum Parkausgang zu wandern. Nun war es allerdings schon viel später als geplant und unser spontaner Umweg hatte mich einiges an Kraft gekostet, so dass ich – warum auch nicht? – entschieden habe, mit Michael und der Österreicherin noch eine weitere Nacht zu verlängern. Da wir aber alle kaum noch Geld hatten wollten wir auf einem anderen Campingplatz schlafen, der weiter weg vom Meer und daher günstiger war. Nach ein paar Stunden Siesta am Strand und dem letzten Mittagessen in Cabo San Juan hatten wir genug Kraft getankt, um uns auf die ca 45-minütige Wanderung zu machen.

Als wir das Plätzchen im Wald gefunden hatten waren wir total begeistert. Da es keinen Strand gibt ist der Platz Don Pedro kaum bekannt bzw. wenig beliebt, so dass wir das riesige Grundstück gefühlt fast für uns allein hatten. Es war richtig urig: es gab ein kleines Waschbecken, befestigt an einem Baum, typische Dschungel-Toiletten und Duschen unter freiem Himmel, dessen Trennwände wohl an die Größe der Kolumbianerinnen angepasst war, so dass ich als hochgewachsene Deutsche vermutlich eine amüsante Oben-ohne-Show beim Duschen abgeliefert habe. Geschlafen wurde in Zelten und Hängematten (ich hatte mich für ein Zelt entschieden, da die Hängematten keine Moskitonetze hatten und meine Beine sowieso schon aussahen, als seien sie von Masern befallen) und abends wollten wir noch gemütlich bei einem Kartenspiel zusammensitzen.

36
Das „Bad“

 

Blöderweise hatte ich bereits seit dem Mittagessen (es gab mal wieder Hühnchen…) ein komisches Gefühl im Magen, das sich im Laufe des frühen Abends von leicht flau über ziemlich übel bis zu Ich muss dann glaub ich mal ins Bad… entwickelte. Dumm nur, dass ich mich mit einem Bad mitten im Dschungel, ohne richtige Spülung, ohne Waschbecken und vor allem ohne Toilettenpapier zufrieden geben musste… Die Nacht habe ich, ohne Euch mit Details versorgen zu wollen, mehr in den besagten 4 löchrigen Holzwänden als im Zelt verbracht und ja, es hat sich vermutlich genauso beschissen angefühlt wie es sich jetzt gerade liest! Die Nacht hätte ich also dann vielleicht doch nicht unbedingt gebraucht 😉

Am nächsten Morgen war ich dementsprechend fertig von der Nacht und konnte mir nicht vorstellen, die anderthalbstündige Wanderung zum Ausgang zu schaffen – noch weniger allerdings die Alternative, mit dem Pferd zu reiten. Schon allein der Gedanke an das Schaukeln ließ meinen Magen wieder umdrehen und so machten wir uns im Schneckentempo zu Fuß auf den Weg. Zum Glück konnte ich Wasser trinken und bei mir behalten, denn sonst hätte ich mich bei den schon vormittags heißen Temperaturen und den vielen steilen Wegen durch die Sonne vermutlich irgendwann meinem Schwindelgefühl hingegeben.

Nach einer gefühlten Ewigkeit haben wir es dann aber doch zum Ausgang geschafft, wo wir in einen der vollen Busse verfrachtet wurden, der uns zurück nach Santa Marta brachte, zurück zu dem Hostel, von dem aus ich 5 Tage zuvor aufgebrochen war. Ohne große Erwartungen, ohne Vorstellungen, ohne mich vorher zu informieren und ohne Bilder im Kopf.  5 Tage an Erlebnissen später schwor ich mir in dem Moment, als ich mich endlich erschöpft auf mein Bett fallen lassen konnte, ab jetzt meine Abenteuer ungeplanter und wesentlich uninformierter als bisher anzugehen. So können keine Erwartungen enttäuscht oder Internetbilder als völlig realitätsfern bearbeitet erkannt werden. Dafür ist Raum für Überraschungen, für unerwartete Eindrücke, für atemloses Staunen, wenn man Dinge entdeckt, von denen man gar nicht wusste, dass sie da sind. Oder sich eben plötzlich im Paradies befindet. Und ein paar Tage später schon wieder – aber das ist eine andere Geschichte 😉

Hast Du Dein persönliches Paradies auch schon irgendwo entdeckt? Teil es gerne in den Kommentaren 🙂

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „5 Tage im Paradies / Teil 4“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s