Ankunft auf der einsamen Insel

Es nicht mal zwei Wochen her, dass ich den Artikel über schwierige Phasen geschrieben habe und schon muss ich mich wieder darin üben, meine eigenen Tipps zu befolgen. Gestern bin ich auf der wunderschönen brasilianischen Insel Ilha Grande angekommen, nachdem ich mich vorgestern schweren Herzens von Kolumbien verabschiedet habe. Doch obwohl die Insel vor Schönheit, Regenwald, der auf weiße Strände trifft und kristallklarem Wasser nur so strotzt, habe ich mich die ersten 24 Stunden alles andere als paradiesisch gefühlt.

Wirklich einsam ist die Insel nicht. Durch die autofreien Straßen des kleines Dorfs Abraão, in dem alle Besucher ankommen, laufen viele Touristen, vor allem Brasilianer, nur mit Strandtüchern und Bikini bekleidet. Viele lachen, genießen gemeinsam die Aussicht, setzen sich in eins der kleinen Restaurant, um ein Spiel zu spielen oder teilen sich eine frische Kokosnuss. Ich habe mich lange nicht mehr so einsam gefühlt.

In den sechs Wochen in Kolumbien habe ich wunderbare Menschen kennengelernt, viel Zeit mit ihnen und dementsprechend in Gesellschaft verbracht. Auch wenn ich mich nie anderen Reisenden angeschlossen habe, war ich dennoch die meiste Zeit mit anderen zusammen – auch wenn das nicht heißt, dass wir 24/7 zusammen waren, denn ich brauche ziemlich häufig und regelmäßig Zeit für mich.

Am Samstag stand dann nach einem sehr schönen Abend mit meiner Hamburger Nachbarin in Bogotá der Abschied an. Zwar habe ich mich auf der Reise ständig von meinen neuen Bekannten/Freunden verabschieden müssen, aber irgendwie hat man sich auf wundersame Weise doch irgendwo irgendwann wiedergesehen – zumindest bestand die Möglichkeit in einem Land, das touristisch noch so in den Kinderschuhen steckt, dass viele Backpacker die gleichen Ziele ansteuern.

Während des 10 stündigen Flugs inklusive Zwischenstopp in Panama und der 3 stündigen Busfahrt von Rio zur Ilha Grande habe ich ehrlich gesagt die meiste Zeit in Erinnerungen geschwelgt, mir Fotos und Videos der vergangenen 6 Wochen angeguckt und ein tiefes, tiefes Glücksgefühl gespürt. Wie dankbar ich für all die Erfahrungen und Erinnerungen bin – und wie traurig darüber, dass sie jetzt vorbei sind. Und dass ich nicht weiß, ob es auch in Brasilien so schön wird.

Eigentlich will ich das doch nicht mehr – zu sehr in der Vergangenheit leben und mir zu viele Sorgen um die Zukunft machen. Aber den Moment konnte ich auch nicht wirklich genießen. Plötzlich bin ich von Menschen umgeben, dessen Sprache ich nicht verstehe und mit denen ich nicht kommunizieren kann. Das ist eine komplett neue Erfahrung für mich – allerdings keine, die mir gefällt.

So beeindruckend meine Ankunft mit dem Speedboot auf der Insel auch war: ich habe mich alleine und einsam (ja, das ist ein großer Unterschied!), unverstanden und unfähig gefühlt. Dass ich seit einigen Tagen mit einer Erkältung kämpfe und während des Nachtflugs kaum geschlafen habe machte das ganze bestimmt nicht unbedingt angenehmer. Ich war müde, hatte Kopfschmerzen, kam mit der unfassbaren Hitze nicht klar und habe ein Hostel gebucht, in dem es nicht mal einen richtigen Aufenthaltsraum gibt. Schlechte Voraussetzungen, um andere Reisende kennen zu lernen.

Wobei ich darauf – obwohl ich mich so einsam gefühlt habe – keine Lust hatte. Ich wollte von Leuten umgeben sein, die ich kenne, ich wollte meine Freunde von zuhause bei mir haben und die Menschen, die ich bisher auf der Reise kennen gelernt habe. Wenn überhaupt. Oder alleine sein. Ich hatte keine Lust auf Smalltalk und deswegen mal wieder den Gedanken, dass es meine eigene Schuld ist, dass ich mich schlecht fühle. Als mir dann auch noch jemand in buntem Shirt mit der Aufschrift Smile, you travel zunickte, wäre ich am liebsten in Tränen ausgebrochen.

Ich hatte keine Lust, mich mit der Chilenin in meinem Zimmer zu unterhalten. Vor allem keinen gemeinsamen Tagesausflug, den sie vorgeschlagen hatte, zu planen. Ich wollte nicht mit den zwei Mädels aus Rio essen gehen. Oder mit den Argentiniern, die gut gelaunt an der Rezeption saßen. Was war denn los mit mir? Wie soll ich mich denn weniger einsam fühlen, wenn ich mich in mein Schneckenhaus verkrieche?

Vielleicht genau dadurch. Ich habe mich an die Worte erinnert, die ich selbst vor ein paar Tagen geschrieben habe: es ist wichtig, schlechte Phasen zu akzeptieren. Ich muss hier niemandem beweisen, dass ich sozial bin, dass ich nett bin, dass man Spaß mit mir haben kann. Ich wollte einfach nur schlafen – und nachdem ich mich doch zu einem gemeinsamen Spaziergang mit der Chilenin habe überreden lassen, durch den ich mich die meiste Zeit gequält habe, habe ich das auch einfach gemacht. Und zwar so gut und lange wie noch keine Nacht auf meiner Reise.

Auch heute Morgen hatte ich keine Lust zu reden. Ich wollte mit meinen Gedanken und Musik alleine sein. Also habe ich meine Sachen gepackt und bin ca. 20 Minuten durch den Dschungel zu einem Strand gelaufen, an dem kaum Menschen waren. Keine 5 Minuten, nachdem ich mich auf mein neues Strandtuch (mein altes hab ich ja verloren…) gelegt habe, ist plötzlich Ruhe eingekehrt. Ruhe in meine Gedanken, in mein Herz, in meinen Kopf. Ich war hier am Strand alleine – und viel weniger einsam als den gesamten Tag zuvor.

Geholfen haben dabei sicher auch die Geschenke, die ich zum Abschied von einigen wunderbaren Freundinnen bekommen habe: Briefe, die ich in verschiedenen Situationen öffnen kann. Heute wären viele in Frage gekommen: Heimweh, Chaos im Kopf, Wenn sich das Leben mal nicht ganz so leicht anfühlt. Bisher habe ich mich nicht getraut sie zu öffnen. Vielleicht würden ja noch Phasen mit stärkerem Heimweh oder noch mehr Chaos im Kopf kommen. Heute habe ich dann aber entschieden, dass das Quatsch ist (und vor allem sowas von nicht „im Moment leben“) und habe den Umschlag Wenn du dich mal nicht so fit fühlst mit zum Strand genommen.

Und auf einmal konnte ich die Schönheit der Insel erkennen, die mich vorher noch eingeengt hat, die mir das Gefühl gegeben hat, mich am richtigen Ort falsch zu fühlen und mich auf subtile Weise gezwungen hat, glücklich zu sein. Selbst wenn ich meinen kompletten Aufenthalt hier von 5 Tagen genau so, ganz alleine am Strand, verbringen würde – auf einmal fühlte es sich gut an.

Vielleicht sollten wir uns auch in Zeiten, in denen wir uns einsam fühlen, wieder einmal unserer größten Angst stellen: alleine zu sein. Um zu spüren, dass es einen riesigen Unterschied zwischen einsam und alleine gibt. Um zu lernen, uns selbst genug zu sein und uns damit unabhängiger zu machen. Um uns nicht durch gezwungene Treffen und Gespräche von unserem eigentlich Gefühl abzulenken. Alleine sein, um weniger einsam zu sein.

In meiner Nähe lagen zwei deutsche Mädels. Normalerweise verstecke ich mich, wenn ich Leute deutsch reden höre, aber heute hat es mir irgendwie ein beruhigendes Gefühl gegeben. Nach einiger Zeit alleine mit mir und meinen Gedanken hab ich die beiden angesprochen – weil ich das Bedürfnis danach hatte und nicht weil ich glaubte, es machen zu müssen, um mein Einsamkeitsgefühl zu ersticken oder nett zu sein. Wir haben uns super unterhalten und für heute Abend zum Lagerfeuer verabredet.

Ich glaube, es hilft, Gefühle wie Einsamkeit zuzulassen, sie zu leben und ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie oft schmerzhaft verlangen. Dann gehen sie von ganz alleine weg – mal schneller, mal langsamer.

Wie gehst du mit Situationen um, in denen du dich einsam fühlst? Hast du Tipps für mich?

 

 

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