Karneval in Rio – oder warum ihr so lange nichts von mir gehört habt

Bunt, schrill, laut. Viel Tanz, viel Alkohol, viele Menschen. Gefährlich, dreckig und kriminell. Wenig Schlaf, wenig gesundes Essen, wenig Zeitgefühl. So habe ich mir den Karneval in Rio de Janeiro vorgestellt. Und genau so war es auch – nur viel krasser. Gerade sitze ich am Flughafen in Panama City und habe in den fast 24 Stunden Aufenthalt hier vielleicht endlich etwas Zeit, all die Eindrücke der vergangenen Wochen zu verarbeiten aus der Stadt, über die ich vorher so viel schlimmes gehört habe. Und in der ich die wohl verrücktesten 12 Tage meines Lebens verbracht habe.

Ewigkeiten her fühlt es sich an, dass ich etwas für meinen Blog geschrieben habe, dass ich mich in Ruhe hingesetzt und nachgedacht habe. Und so versuche ich mich gerade daran zu erinnern, wie die Dinge funktionieren, die mir sonst leicht fallen: Konzentrieren, strukturieren, reflektieren. Darin habe ich mich in Rio nämlich eher nicht so geübt.

Dafür in anderen Dingen, dessen Auswirkungen ich noch deutlich spüre. Viele Stunden ohne Schlaf auskommen zum Beispiel. Um 8 Uhr morgens die erste Caipirinha trinken. Die Wolken zwei Tage hintereinander wieder lila werden sehen. Trotz Seekrankheit 5 Stunden auf einer Bootparty feiern. Das Pfeifen im Ohr von viel zu lauter Musik ignorieren. Im Bikini durch Rios Straßen hüpfen. Bei 40 Grad verkatert einen Berg besteigen. Kurz: sich der Verrücktheit des Karnevals komplett hingeben.

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Und verrückt ist der Karneval in Rio definitiv. Offiziell angefangen hat der pre carnaval, also die Zeit der gemeinsame Einstimmung, dieses Jahr am 11.Februar. Egal ob in Cafés, Clubs oder am Strand- die Cariocas (Rios Einwohner) verbringen ihren Tag glitzernd, mit den verrücktesten Haarreifen, Tutus, Strass oder im Ganzkörperkostüm und stimmen sich damit auch äußerlich auf die bevorstehende locura ein. Aber die Verkleidungen im schwül-heißen Alltag sind nur ein kleiner Teil der Vor-Karnevalszeit. Täglich finden dutzende Straßenpartys statt, sogenannte blocos, die selbst mich als gerne mal Feierwütige völlig sprachlos gemacht haben. In den unterschiedlichsten Stadtteilen kommen hunderte, manchmal tausende Menschen zusammen, um zu feiern und gemeinsam dem Karneval entgegen zu fiebern.

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Als frisch gelandete Touristin wäre ich durch das bloco-Chaos nie durchgestiegen und so bin ich umso glücklicher, dass ich in der wohl besten Unterkunft Rios gelandet bin. Die Mitarbeiter vom Discovery Hostel in Lapa waren von der ersten Minute an so unfassbar hilfsbereit, herzlich und selbstlos und haben uns ganz selbstverständlich mit in ihre Freizeit integriert. Da einige von ihnen in Rio aufgewachsen sind, wussten sie genau, wann man wo hin gehen sollte (und wann besser nicht), auf was man achten muss und wo die beste Stimmung ist. So wurde ich an meinem ersten Tag um 7:30 direkt mit zum bloco genommen, am frühen Nachmittag zur Straßenparty an der Copacabana geschickt und abends mit auf die Gästeliste einer ausgelassenen Reggaeton-Party gesetzt.

Da ich schonungslos in das Karnevals-Chaos aufgenommen wurde, habe ich schnell die wichtigsten Dinge gelernt, die man braucht, um den Karneval wie eine echte Carioca zu feiern. Dass man Cocktails am besten gefroren in Form von Sacolés in kleinen Plastiktüten zu sich nimmt und Bier ein beliebtes Frühstück ist. Dass Handtaschen aus Sicherheitsgründen nicht mitgenommen werden und Tutus die perfekte Tarnung für Hüftgurte sind. Dass man Männer auf den Blocos nur angucken sollte, wenn man umgehend und unter jubelnden Beija, Beija Rufen geküsst werden will. Dass man niemals zu viel Glitzer im Gesicht haben, dafür aber Sportschuhe zu den ausgefeiltesten Kostümen tragen kann. Dass man einfach immer weiterfeiert, egal wie müde man ist und dass Tanzen und positive Gedanken manchmal tatsächlich die beste Medizin gegen Krankheiten ist.

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Ich habe so viel gelacht, so viele wunderbare Menschen kennen gelernt, so viele unvergessliche Erfahrungen gemacht und einfach nur eine verdammt geile Zeit in Rio gehabt. Und ich bin so unglaublich dankbar dafür. Denn natürlich habe ich auch die dunklen Seiten der Stadt und der Feiereien gesehen. Ich weiß, dass der Karneval für viele die Möglichkeit ist, eine zeitlang aus ihrem oft traurigen, hoffnungslosen und tristen Alltag auszubrechen. Die allgemeine Situation in Rio hat sich nach den Olympischen Spielen wieder dramatisch verschlechtert. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in Armut, die Polizei streikt, Kriminalität gehört zum Alltag.

Karneval bedeutet für viele Menschen auch schwerste Arbeit. Durch die Menschenmassen, die sich teilweise wie Sardinen aneinander gedrängt tanzend durch die Straßen schieben, quetschen sich teils sehr alte Menschen, die in der brüllenden Hitze schwere Boxen voll mit Eiswürfeln tragen, um dem verkleideten Partyvolk kalte Getränke verkaufen zu können. Von vielen Feiernden oft unbeachtet sorgen tausende von Geringverdienern für Ordnung während und nach den Partys, kehren den Müll von den Straßen und räumen auf. Viele von ihnen bewegen sich dabei mit Samba-Schritten fort und sind selbst nach stundenlanger harter Arbeit nie zu müde für ein Lächeln.

Diese Fähigkeit, das Leben positiv zu sehen und sich auf die guten Dinge zu konzentrieren, habe ich nicht nur in Rio, sondern in vielen Teilen Südamerikas kennen gelernt und ich bewundere sie zutiefst. Und wie so vieles auf meiner Reise lehrt sie mich etwas: die Dinge und Möglichkeiten, die ich habe, viel mehr wertzuschätzen. Glücklich darüber zu sein, dass ich reisen kann, dass ich die Welt und dadurch mich entdecken kann. Zu jeder Party hat mich daher nicht nur der Glitzer in meinem Gesicht, sondern auch eine tiefe Dankbarkeit begleitet: dafür, dass ich diesen Karneval erleben und ihn nicht als Ablenkung nutzen muss, sondern einfach nur genießen darf.

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4 Kommentare zu „Karneval in Rio – oder warum ihr so lange nichts von mir gehört habt“

  1. Lisa, was für ein schöner Karnevalsbericht! Ich habe mich gefühlt, als wäre ich endlich dabei gewesen! Vor Ort in Rio. Was für Emotionen 🙂 Ich freue mich riesig für dich und hab dich lieb. Pass weiterhin gut auf dich auf, besos y abrazos

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    1. Danke Maren! Freut mich sehr, dass ich Dich durch meinen Bericht ein bisschen mitnehmen konnte! Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann mal zusammen live dort hin ☺️ Drück dich!

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  2. Toller Reisebericht! Ich wäre auch so gerne in meiner zweiten Heimat Brasilien zum Karneval gewesen, aber das hat dieses Jahr leider nicht geklappt, dafür hoffentlich im nächsten Jahr! Ich hoffe du hast deine Zeit genossen und vielleicht auch ein paar portugiesische Wörter gelernt? Beijos und liebe Grüße, Julia

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    1. Vielen Dank Julia! Du scheinst dann auch schon häufiger dort gewesen zu sein?! Es war echt eine super tolle Zeit – und ja, ich hab versucht ein bisschen Portugiesisch zu lernen, aber irgendwie bin ich dann doch immer wieder ins Spanische gerutscht 😉
      Beijo 🙂

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