Wenn die reisende Seele Ruhe braucht

Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich erst vor 8 Wochen Deutschland und mein altes Leben verlassen habe. Wenn wir reisen erleben wir so viel, sehen wir so viel und fühlen wir so viel. Ein Tag kann uns wie drei vorkommen, eine Woche wie ein Monat, ein Monat wie ein halbes Jahr. All die neuen Menschen, all die unerwarteten Erlebnisse, all die wunderschönen Dinge, die unsere Augen zu sehen bekommen. Die Explorezone hält so viel mehr für uns bereit als unsere Komfortzone. Manchmal so viel, dass wir gar nicht hinterherkommen, all das Neue zu verarbeiten und unser Geist unruhig wird. Deshalb habe ich entschieden, meine Reise zu pausieren und zurück zu kommen.

Zurück – nein, nicht nach Deutschland, sondern nach Kolumbien. In das Land, das mich vor allem an der Küste in seinen Bann gezogen hat und zurück an den Ort, an dem ich mein kleines, persönliches Paradies gefunden habe. Das versteckte Hostel am Rande des Tayrona Nationalparks, wo sich die Hütten zwischen Palmen befinden und die Füße im Sand versinken, sobald man sein Zimmer verlässt. Der traumhafte Strand, der sogar in dem Videoclip zu einem meiner aktuellen Lieblingslieder als Kulisse dient. Der Ort, an dem ich schon vor ein paar Wochen eine gefühlte Ewigkeit hängen geblieben bin.

Schon „damals“ (ja, auch diese paar Wochen Abwesenheit fühlen sie wie ein halbes Jahr an) habe ich angefangen, mit dem Gedanken zu spielen, als Volunteer zurück zu kommen. Die meisten der wunderbaren Leute, die hinter der Bar arbeiten, sind wie ich Backpacker, die einfach noch etwas mehr Zeit ihres Lebens an diesem traumhaften Fleckchen Erde verbringen wollen. Es gibt zwar kein Geld, dafür aber gratis Unterkunft und Essen – einen kostenlosen Platz im Paradies!

Da ich aber weiß, dass ich mich manchmal zu schnell von etwas begeistern lasse und Feuer und Flamme für eine Idee sein kann, wollte ich mir für die Entscheidung noch etwas Zeit geben und diesen Ort für ein paar Tage hinter mir lassen. Ich wollte sicher sein, dass ich auch mit etwas Abstand noch immer so überzeugt davon bin, Panama und Costa Rica vorerst von meinem Reiseplan zu streichen, um für einige Zeit fest an einem Ort zu sein und zu arbeiten.

Denn auf den ersten Blick hat das erstmal nicht so viel mit dem zu tun, was wir mit Reisen verbinden: Frei sein, unabhängig, neue Orte entdecken, in verschiedene Kulturen eintauchen, jeden Tag nach Lust und Laune leben. Ich würde mich auf Alltag einlassen, vielleicht auf Langeweile und nervige Situationen mit immer den gleichen Leuten und den Preis bezahlen, dass ich mir selbst neue, vielleicht noch schönere Orte vorenthalte.

Aber auch in Rio ist mir der Gedanke nicht aus dem Kopf gegangen und ich habe gemerkt, dass das gerade genau das ist, was ich möchte und brauche. Ruhe. Ankommen. Zeit für mich. Zeit für meine Gedanken. Zeit, um Meditation endlich fest in meinen Alltag zu integrieren – und für mich ist das nun mal am leichtesten, wenn ich die 10 Minuten täglich in eine gewisse Struktur einbauen kann. Und so habe ich mich ein paar Tage vor Abflug entschieden, es bei der Besichtigung des Flughafens in Panama zu belassen und weiter zu fliegen nach Kolumbien.

Abgemacht ist, dass ich mindestens einen Monat hier bleibe. 5 Tage die Woche werde ich jeweils 8 Stunden hinter der Bar arbeiten, Bestellungen annehmen, Cocktails und frische Säfte machen und die Gäste zum Lachen und Wohlfühlen bringen. Das alles mit Latino-Musik und Wellenrauschen im Hintergrund. Die freie Zeit werde ich ganz intensiv für mich nutzen. Ich habe so viele Bücher auf meiner Liste, die ich noch nicht gelesen habe. Ich möchte endlich wieder mehr schreiben und mich intensiver um diesen Blog kümmern. Eine Vision von meinem Wunschleben in Zukunft entstehen lassen. Und Ideen sammeln, wie ich es kreieren kann.

Ich will noch mehr über das Leben als digitaler Nomade lernen, will Möglichkeiten recherchieren, um ein ortsunabhängiges Leben zu starten. Ich möchte mal wieder Langeweile haben und dadurch noch ein Stück mehr zu mir finden. Aber dafür brauche ich Ruhe. Diese Reise hat mich schon so viel über mich gelehrt und ich bin so dankbar für all die Momente, die ich erleben durfte, egal ob positiv oder negativ. Einer der wichtigsten Glaubenssätze, die ich in den vergangenen Monaten oder vielleicht auch Jahren entwickelt für mich entwickelt habe, ist:

Tu , was dich glücklich macht und nicht, was dich zu einem angepassten Menschen macht.

Mach, was du möchtest und nicht, was du tun solltest. Man sollte seinen Job nicht kündigen, ohne einen neuen in Aussicht zu haben. Man sollte sein Leben nicht so sehr im Hier und Jetzt leben, dass man sich kaum Gedanken um die Zukunft macht. Man sollte mit fast 30 irgendwo angekommen sein, am besten mit Familienplanung im Hinterkopf. Und man sollte auf Reisen möglichst viel sehen. Man sollte in Rio natürlich auf den Zuckerhut fahren. Aber was, wenn all diese Sollte nicht zu Dir passen, Du sie nicht als richtig empfindest? Ich habe mich in den vergangenen Monaten gegen jedes einzelne dieser sollte entschieden – und was ist passiert? Ich bin glücklich. Ich hab keine der Entscheidungen auch nur eine Sekunde bereut.

Und auch, wenn ich vielleicht besser weiter reisen sollte, mir mehr angucken sollte, wenn ich gerade schon mal hier bin – es passt gerade nicht zu mir. Ich möchte zurück in Kolumbien sein, verrückte Reiseerlebnisse zumindest eine Zeitlang gegen Alltag eintauschen und die Zeit für andere Dinge nutzen als Sightseeing und das Abhaken von Orten, die ich gesehen habe. Ich bleibe, so lange es mich glücklich macht. Und ziehe weiter, wenn ich Lust darauf habe. Das einzige, was du solltest, ist auf dein Gefühl zu hören. Herausfinden, was dich glücklich macht. Und dann versuchen, so viele Zeit wie möglich deines Lebens genau damit zu verbringen.

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13 Kommentare zu „Wenn die reisende Seele Ruhe braucht“

  1. Ich kenne dieses Gefühl. Mich hatte es in Australien damals nach fünf Wochen übermannt. Da habe ich mir in Melbourne eine Auszeit genommen, bin sieben Wochen dort geblieben, bin in die Bibliothek (etwas schwierig in deinem Fall) gegangen und habe Dinge für die Uni gelesen, um meinen Kopf mitzunehmen.
    Es gibt vielleicht Leute, die nur reisen können, aber ich gehörte nicht dazu. Dafür war der Rest der Reise nach diesem Stop (während dem ich ja auch Tagesausflüge gemacht habe) umso besser.
    Viel Spaß am Paradiesstrand 😉

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    1. Liebe Stefanie, wie schön, dass Du Dir damals dann auch die Auszeit genommen hast die Du brauchtest. Die Idee mit der Bibliothek ist total gut! Hier habe ich mit meinem E-Reader ja auch quasi meine eigene dabei und verlager sie dann in die Hängematte 🙂 Bist Du denn immer noch unterwegs? Liebe Grüße, Lisa

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      1. Hi Lisa,
        nein, schon lange nicht mehr. Australien war 2002, ein Auslandssemester war 2005, eine Europareise 2007 … Und nun sind es nur noch „normale“ Urlaube.
        Als ich 30 war, merkte ich, dass ich ankommen wollte – und mittlerweile bin ich das.
        Dir weiterhin viel Spaß – und schüttle die Cocktails nicht zu wild 😉
        Lieber Gruß!

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  2. Gönn Dir die Ruhe, genieß Dein Glück und plan Deine Zukunft.
    Ich freu mich für Dich und hoffe, dass Du uns Daheimgebliebene
    nicht aus den Augen verlierst.
    Liebe Grüße, Dein Papa

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    1. Natürlich verliere ich Euch nicht aus den Augen! So lange wie ich nichts von Dir gehört habe könnte man es eher andersrum vermuten 😛 liebe Grüße aus der Hängematte

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